PETER KERSTEN

Die Rede zur Ausstellungseröffnung: Peter Kersten – Fotografie

Bevor ich zu meiner Eloge auf Peter komme, sei mir

außerprotokollarisch eine Erklärung zugestanden.

Normalerweise stehe ich dort, wo Sie sich gerade befinden,

nur in Ausnahmefällen hier vorn und dann auch nur neben dem Redner. Es treibt mich nicht monetäres Verlangen nach den güldenen Pfründen der halleschen Großredner Helmut Brade und Rüdiger Giebler, sondern Sie wohnen einem Akt der Dankbarkeit für einen langjährigen Freund und Kollegen bei.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde und Bekannte, lieber

Peter und nicht zu vergessen liebe Kerstin, denn was wären die

Männer ohne ihre Frauen. Das aufzuzählen füllte ganze Bibliotheken. Bei Kafka ist es der Herr Josef K., bei Brecht der Herr Keuner und bei Volker Braun der Herr Kunze. Bescheiden wie ich bin, reihe ich mich in diesen prominenten Reigen ein. Bei mir ist es allerding keine fiktive literarische Gestalt, sondern mein Protagonist ist das Urgestein der halleschen Fotografen-gilde Peter Kersten.

Dass wir uns heute hier so zahlreich versammelt haben,

hat eigentlich einen schon längere Zeit zurückliegenden Grund.

Im März zeigte die Moritzburg in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus   die Ausstellung „Halle im Foto“. Während der Ausstellung stellten etliche Besucher erstaunt fest, dass Peter Kersten nicht zu den ausstellenden Fotografen gehörte. Das fiel unter anderem auch Jutta auf, die mit dem für sie typischen Furor ausrief „wenn der hier fehlt stelle ich den Kersten bei mir aus“. Das schließt natürlich auch Thomas ein, denn wir wissen ja, hinter einer starken Frau steht eben auch ein solcher Mann. Siehe oben.

Sie sehen hier also ein „Halle im Foto“ 2.0 wie es im Neusprech heißt.

Nun zu Peter. Seine Biografie muss ich nicht verlesen, am Fuße

der Treppe ist alles Wichtige seines langen ereignisreichen Lebens zu lesen. Kommen wir zu seinen Bildern und begeben uns auf eine Reise in die nicht allzu lang zurückliegende Vergangenheit.

Ich stelle ihn mir vor als den Flaneur, mit sich im Reinen,

aus gebührender Distanz seine Umwelt wahrnehmend, ohne zu kommentieren oder zu belehren. Er wird keinen Spazierstock mit elfenbeinernem Knauf benutzt haben, auch keinen Gehrock, 

sowie auch kein Jabot, auch wird ihm nicht der Geruch von Madeleine-Gebäck wie bei Marcel Proust in die Nase gestiegen sein.

Die Realität war weniger prosaisch. Aus Buna trug der Wind Karbidschwaden heran. Im Winter senkte sich der Rauch unzähliger Braunkohleheizungen auf die Stadt, dazu der typische 2-Takterbenzingeruch. Unbeeindruckt von all diesen Fährnissen war Peter mit seinen Fotoapparaten unterwegs,

als Chronist dieser teilweisen Apokalypse oder sollte man besser sagen Postapokalypse. Was in dystopischen Filmen mit viel Aufwand in Szene gesetzt wurde, später am Rechner erstellt, hatte hier seine Gegenwart gefunden. Im Volksmund hieß es „Ruinen schaffen ohne Waffen“.

Die Menschen eilen seltsam getrieben durch Räume die keine lebenswerte Gegenwart abbilden und mit einem Zukunfts-versprechen konfrontiert das fast keinen interessiert und an das die wenigsten noch glauben. Es ist ein Grau, das nicht herbeifabuliert wird, sondern allenthalben wie eine biblische Plage, über dieser Stadt und dem ganzen Land liegt.

Es sind keine von einem Gott gesandten Strafen, sondern

es ist das Ergebnis der Hybris einer dem Leben entfremdeten

Funktionärskaste.

Flanieren wir weiter durch die Bildwelt des Herrn K..

So fallen einem unter anderem die Schaufensterauslagen ins Auge. Sie, die Schaufenster, sind die verwaltete Leere, wo es nichts oder wenig zu verkaufen gibt, werden die nicht vorhandenen Produkte durch hübsch, kann man in diesem Falle wohl sagen, drapierte Tücher und Deckchen ersetzt und Produkte dargeboten, die in einem obskuren Zusammenhang zueinanderstehen, z.B. Molkereiprodukte mit Schwibbogen und Weihnachtsmännern.

Am großartigsten sind aber die Schaufensterbilder mit „unseren führenden Repräsentanten“ wie es damals so schön hieß.

Dazu kann ich mir folgende Situation gut vorstellen. Wir befinden uns in Berlin, da ich des Halleschen nicht mächtig bin.

Der Verkaufsstellenleiter (meist ein Mann) zu seiner Kollegin:

„Du, Gitti, die von de Partei warn wieder da, wir solln die

Bilder hier uffhängen, mach Du dett ma“. Und Gitti hängt dann

den Kampfbund SED-FRELIMO in das Schaufenster zu der

Damenunterwäsche. Tombola gibt es mit Willi Stoph und Horst Sindermann, Komplex mit Samora Machel und Erich Honecker,

Mode 83 mit Karl Marx, Sonni-sing-und Sprechpuppe mit Leonid Breschnew und Erich Honecker

und gesund ernähren mit Walter Ulbricht 75 Jahre.

Diese Schaufenster sind eine Mischung aus Resignation und Renitenz.

Einige dieser Beispiele sehen Sie nicht an diesen Wänden.

Sie finden sie aber in dem Katalog den es zu dieser Ausstellung gibt. Sie waren für mich aber so repräsentativ, dass ich sie erwähnen musste.     Mein Tipp:   erwerben Sie diesen Katalog.

Bei all dem darf man nicht vergessen, K. wusste,

dass diese Bilder in der DDR nicht veröffentlicht werden.

Wie Schriftsteller für die Schublade schrieben so fotografierte er für das Archiv.     Hier wird aus Beruf Berufung.

Liebe Leidtragende der hohen Temperaturen, Sie haben es gleich geschafft.

Auf ein letztes Bild möchte ich noch eingehen.

Wir sehen eine Ortsausfahrt in einer beliebigen Landschaft. Kein Indiz für den Ort oder wo die Straße hinführt. Es könnte Peru sein wie es Heiner Müller in seinem „Mann im Fahrstuhl“ beschreibt, wären da nicht die Schilder die „DDR 25 Jahre“ verkünden. Morastiger Straßenrand mit Betonsockeln, die immer wieder Heimstatt für diese und ähnliche Aussagen sind.

Wen soll das erreichen? Welche Wirkung erwartet man sich

davon? Es bleibt ein Geheimnis.   

Zu diesem Bild gibt es natürlich noch eine kleine Petitesse.

Da wo sich früher Maler in den Bildern ihrer Auftraggeber mehr oder wenig deutlich mit einmalten,  hat sich K. mit seinem Auto am linken oberen Rand manifestiert. Für diese Kleinigkeiten, wenn man um sie weiß, liebe ich unter anderem die Fotografie.

Lieber Peter, Dir danke ich für diese wunderbaren Fotografien

und Ihnen, meine Damen und Herren für Ihr Durchhaltevermögen.

Begeistern Sie sich für diese Bilder   und nicht zuletzt, kaufen Sie was das Zeug hält , ob Fotos oder Katalog!

Danke, Tänan teid, Kiitos, Grazie, Merci und Dziekuje.

 

 

 

Norbert Kaltwaszer

Zeitkunstgalerie

Halle, 26. Juli 2025

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Biografie

1937 geboren in Berlin

1952-1956 Lehre und Tätigkeit als Maurer

1956–1957 Studium an der Ingenieurschule für Bauwesen Neustrelitz

1957-1961 Studium an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weißensee, Fachrichtung industrielle Formgestaltung bei Rudi Högner

1961-1963 Studium an der Folkwang-Schule für Gestaltung Essen, Fach Industrie-Design bei Werner Glasenapp

1963-1964 tätig als Designer in Krefeld bei der Philips AG

1965-1966 tätig als Designer in Karl-Marx-Stadt bei der VVB Eisen-Blech-Metallwaren

1966-1981 Wissenschaftlich-Künstlerischer Mitarbeiter, dann Lehrer im Hochschuldienst an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle, Burg Giebichenstein, Gruppe Forschung und Entwicklung

1974-1979 Fernstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Fachrichtung Fotografie bei Horst Thorau

1981–1985 tätig als Fotograf und Werbeleiter am Landestheater Halle

1985–1991 freischaffend tätig als Fotograf und Grafikdesigner

1991–1994 tätig als Fotograf und Werbeleiter am neuen theater Halle

1994–1998 Werbeleiter am Schauspielhaus Leipzig

seit 1998 freischaffend tätig in Wettin-Löbejün

Personalausstellungen und zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland

Mitglied des Halleschen Kunstvereins e. V.

Die Fotografien aus dem Halle der DDR widerlegen schon nach dem ersten Betrachten den Titel. Nein, der Anblick ist nicht vergessen, vor allem nicht für ältere Hallenser. Einige Bilder könnten überall fotografiert worden sein, so DDR-typisch sind sie, bei anderen erkennt man die Orte wieder, auch wenn man überlegen muss – ist das nicht.? Der Fotograf dokumentierte in seinen teilweise düsteren Aufnahmen das Halle der 60er Jahre bis hin zu den Tagen der Wende, die allgegenwärtigen Banner, Bilder und Plakate der sozialistischen Ideologie, aber auch Dinge, über die man heute eher schmunzeln kann.

Ein Ausstellung für Hallenser, die sich erinnern wollen.